Der Satz, den ich am häufigsten höre

„Ich bin eigentlich kein Kontrollmensch.“

Diesen Satz höre ich in fast jedem Erstgespräch. Meistens von Frauen, die zwei Minuten später erzählen, dass sie die Einzige sind, die weiß, wann die Kita-Beiträge fällig sind. Die im Restaurant kurz überlegen, ob sie die Bestellung für alle übernehmen, weil es dann schneller geht. Die abends im Bett noch einmal den ganzen Tag durchgehen, ob sie irgendwas vergessen haben, und den nächsten Tag direkt planen.

Und sie haben recht. Sie sind keine Kontrollmenschen in dem Sinne, wie wir das Wort benutzen. Sie stehen nicht mit dem Zollstock vor dem Bücherregal. Sie kontrollieren nicht das Handy ihres Partners.

Sie kontrollieren etwas viel Kleineres und viel Maßgeblicheres: die Wahrscheinlichkeit, dass irgendetwas schiefgeht.

Und genau das sieht im ersten Moment nach Zuverlässigkeit oder Fürsorge aus. Weswegen sie selbst am wenigsten sieht, dass sie ein Thema mit Kontrolle hat.

Warum wir überhaupt kontrollieren

Ich mache das kurz, weil es kein Psychologie-Seminar werden soll.

Irgendwann in deinem Leben gab es eine Situation, in der du keine Kontrolle hattest. Vielleicht war das offensichtlich. Vielleicht war es unbewusst: eine Mutter, deren Stimmung man morgens am Geräusch der Kaffeetasse ablesen musste. Ein Vater, der da war und trotzdem nicht.

Was in so einer Situation entsteht, ist Ohnmacht. Und Ohnmacht ist für ein Nervensystem das Unangenehmste, was es gibt – unangenehmer als Angst, unangenehmer als Wut.

Also hat dein System etwas Kluges getan. Es hat sich eine Strategie gebaut, damit du dieses Gefühl nie wieder spüren musst. Es hat gelernt: Wenn ich vorher weiß, was passiert, kann es mich nicht überrollen.

Und genau das ist eine Überlebensstrategie, die funktioniert hat. Deshalb ist sie noch da.

Das Problem ist nur: Sie läuft heute noch, obwohl die Situation von damals längst vorbei ist. Und sie kostet dich jeden einzelnen Tag Energie, die du woanders brauchen könntest.

Kontrolle hat drei Gesichter

In den letzten Jahren habe ich mit sehr vielen Frauen gearbeitet, und irgendwann fiel mir auf: Es sind immer wieder dieselben drei Muster. Nicht weil Menschen in Schubladen passen – sondern weil ein Nervensystem nur eine begrenzte Anzahl an Wegen kennt, um Ohnmacht zu vermeiden.

Wahrscheinlich erkennst du dich in mehr als einem wieder. Das ist normal. Meistens gibt es aber einen, bei dem du dich direkt ertappt fühlst und das Gefühl kennst.

Typ 1: Du machst dich unentbehrlich

Du bist die, die auf der Geburtstagsfeier die Gläser einsammelt, während die anderen noch reden. Du weißt, wer im Raum sich gerade unwohl fühlt, bevor derjenige es selbst merkt. Menschen sagen über dich: „Ohne dich läuft hier gar nichts.“ Und ein kleiner Teil von dir braucht diesen Satz.

Der Preis: Du bist ständig im Außen. Dein Radar scannt permanent, was andere brauchen. Und dann kommt der Moment, den fast alle Frauen dieses Typs beschreiben:

Du hast endlich zwei Stunden für dich – und du hast keine Ahnung, was du willst. Was du tun sollst. Wer du bist. Und du zweifelst an dir.

Du kennst die Bedürfnisse von sechs anderen Menschen auswendig und deine eigenen nicht. Nicht, weil du keine hättest. Sondern weil du gelernt hast, dass deine erst dran sind, wenn alle anderen versorgt sind. Und alle anderen sind nie fertig versorgt.

Typ 2: Du nimmst die Schuld

Ein Freund meldet sich drei Tage nicht – du gehst durch, was du falsch gesagt haben könntest. Ein Projekt läuft gut – „das lag am Team“. Ein Projekt läuft schlecht – „ich hätte das sehen müssen“. Komplimente rutschen an dir ab wie Wasser an einer Jacke.

Hier kommt der Teil, den kaum jemand ausspricht: Wer die Schuld nimmt, behält die Kontrolle.

Denn wenn du schuld bist, dann liegt es an dir. Und wenn es an dir liegt, kannst du es beim nächsten Mal besser machen. Schuld fühlt sich furchtbar an – aber sie fühlt sich immer noch besser an als die Wahrheit, dass manche Dinge einfach passieren und du nichts dagegen tun konntest.

Deshalb ist Selbstoptimierung für diesen Typ so verführerisch. Der nächste Kurs, das nächste Buch, die nächste Morgenroutine. Du hast ständig das Gefühl, nicht gut genug zu sein. Es ist Wiedergutmachung.

Typ 3: Du bleibst in Bewegung

Du bist müde. Nicht die Art von müde, die nach einem Wochenende weggeht. Und trotzdem: Sobald es still wird, machst du irgendetwas. Handy. Aufräumen. Serie. Noch eine Mail. Es ist nicht Faulheit, es ist auch nicht Fleiß – es ist die Vermeidung von Stille.

Frauen dieses Typs beschreiben sich oft als „abgestumpft“ und im nächsten Satz als „viel zu empfindlich“. Beides stimmt. Das System hat den Ton so weit runtergedreht, dass fast nichts mehr durchkommt – und was durchkommt, kommt mit voller Wucht.

Prokrastination gehört dazu. Die kleine Notlüge, um ein Gespräch zu vermeiden. Der Satz „mir geht’s gut“, den du sagst, ohne kurz nachzuhorchen.

Die Frage, die hier alles aufmacht, ist nicht: Wie oft lenke ich mich ab? Sondern: Wovor?

Warum du das nicht wegdenken kannst

Jetzt kommt der Teil, an dem die meisten Ratgeber falsch abbiegen.

Du kannst dieses Muster nicht verstehen und dann ablegen. Ich habe es jahrelang versucht. Ich konnte mein Muster erklären, ich konnte es in drei Sätzen benennen, ich hätte einen Vortrag darüber halten können – und ich hatte es trotzdem jeden Tag.

Der Grund ist einfach: Die Entscheidung, ob du einen Schutzmechanismus ablegst, kommt nicht durch den Verstand. Sie kommt durch dein Nervensystem, und zwar bevor du überhaupt denken kannst. Dein Kopf weiß längst, dass du heute Abend nein sagen darfst. Dein Körper macht trotzdem den Hals eng, wenn du es versuchst.

Deshalb arbeite ich über den Körper. Weil Verstehen allein an der Stelle aufhört, an der die Veränderung stattfindet. Wenn dein Nervensystem lernt, dass Ruhe sicher ist, brauchst du dich nicht mehr zur Gelassenheit zu überreden. Sie kommt von selbst.

Was du jetzt tun kannst (dauert 60 Sekunden)

Bevor du weiterliest oder wegklickst, probier das hier einmal aus:

Stell beide Füße flach auf den Boden. Atme normal ein – und lass das Ausatmen doppelt so lang werden wie das Einatmen. Drei-, viermal. Nicht anstrengen, nur länger ausatmen.

Und dann, im ruhigsten Moment, stell dir eine einzige Frage: Was könnte ich mir heute Gutes tun?

Such nicht nach einer Antwort. Wenn keine kommt, ist das eine Information und keine Niederlage. Dein System braucht Zeit, bis du die Antwort kennst. Genau das ist der Punkt, an dem wir anfangen.

Und welcher Typ bist du?

Ich habe aus diesen drei Mustern ein Quiz gebaut. Zwölf Fragen, keine davon fragt dich, ob du ein Kontrollmensch bist – weil du darauf ohnehin Nein sagen würdest. Sie fragen nach Alltagssituationen. Nach dem, was du tust, wenn niemand hinschaut.

Am Ende bekommst du deinen Typ, dazu ein kurzes Video von mir, das erklärt, was dahintersteckt, und eine angeleitete Übung, die genau für dieses Muster gemacht ist.

Welcher Kontrolltyp bist du?

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